Der Kluge Reist Im Zuge

Tag vier meiner Reise mit dem Velo nach Venedig. Die Alpen habe ich überquert und gestern habe mich mit Daniel im Hotel getroffen. Von Como aus fahren wir die restliche Strecke gemeinsam, das sind noch drei volle Tage. Dann treffen wir uns mit drei Damen, die den Zug bevorzugen, in Venedig. So lautet zumindest unser Plan. Nach einem wirklich guten Frühstück sitzen wir um kurz nach halb neun auf unseren Velos und schlängeln uns aus Como heraus. Zeitlich nicht ganz nach Plan, aber wir sind guter Dinge!

Der Dom von Como

Was wir natürlich schon vorher wussten: Der nächste Berg wird nicht lange auf sich warten lassen! Aus Como heraus geht es über einen ordentlich steilen Berg mit leider viel zu oft um die 14 % Steigung für etwa vier Kilometer. Ein heftiger Start am Morgen und nach den letzten drei Tagen mit zwei Pässen sind meine Beine wie Wackelpudding. Entsprechend brauche ich natürlich viel zu lange, bis ich oben bin. Dani geht es dabei etwas besser, mit seiner Kondition ist er mir Meilen voraus!

Trotz dem Verkehr und der erneut enormen Anstrengung bringt es Spass, denn je höher wir kommen desto besser wird die Aussicht. Oben angekommen geht es rund fünf Kilometer relativ eben weiter bevor wir in einer rasanten Abfahrt sämtliche mühsam erarbeiteten Höhenmeter wieder vernichten. Falls ich in meinem Leben ein zweites Mal nach Venedig fahre, plane ich die Route etwas weiter südlich mit etwas mehr Kilometern aber deutlich weniger Höhenmetern!

Dani und ich am Stadtrand von Como

Unten geht es dann um den Lago di Alserio herum und am Lago di Pusiano vorbei. Von den beiden Seen sehen wir nicht viel. Die Strecke ist hier teilweise sehr anspruchsvoll und ich bin froh, mit meinem Gravelbike und 40 mm breiten Reifen unterwegs zu sein. Dani hat auf seinem Rennvelo mit seinen schmalen Asphaltschneidern deutlich mehr zu kämpfen. Das erste mal, dass ich einen kleinen Vorteil habe. Ich gebe zu, dass ich das etwas geniesse. Das wird aber nicht lange anhalten, denn die restliche Strecke nach Venedig ist fast komplett auf Asphalt zurück zu legen. Vorteil Dani.

Nach knapp 20 Kilometern, für die wir wegen der Steigung am Anfang inklusive kurzer Verschnaufpausen fast drei Stunden benötigt haben, machen wir in Mojana an einer Tankstelle mit Sitzmöglichkeiten eine erste Pause mit kühlen Getränken und Eis. Es ist fast elf Uhr und das Thermometer steht schon auf knapp 30 °C, da können wir eine Abkühlung gebrauchen. Wir gönnen uns eine halbe Stunde Erhohlungszeit im Schatten. Dann raffen wir uns auf, denn wir haben heute noch echt viele Kilometer vor uns.

Bei etwa Kilometer 30 wird es dann wieder bergig. Wir durchqueren ein paar wunderschöne Dörfer, haben aber wieder einige Anstiege mit 10 bis 13 % Steigung. Ich bin ehrlich: Nach den Pässen der letzten Tage gibt mir das den Rest. Ich kann nicht mehr, bis zum Tagesziel nach Brescia wären es noch 110 km. Mit meinen brennenden Beinen und ausgelaugten Muskeln absolut utopisch. Ich hätte einen Tag früher losfahren und in Como einen Ruhetag einplanen sollen. Hätte hätte Fahrradkette, das hilft mir jetzt nicht weiter.

Bambus am Lago di Alserio

Wir beratschlagen uns und entscheiden, bis zur nächsten grösseren Stadt mit Bahnhof zu fahren und die restlichen Kilometer des Tages mit dem Zug zurück zu legen. Das wird unser Jokertag. Damit unsere Beine (also insbesondere meine) genügend Zeit zur Regeneration haben, beschliessen wir den Jokertag in zwei Halbtage aufzuteilen: Heute Nachmittag und morgen Vormittag. So verkürzen wir nicht nur die heutige, sondern auch die morgige Route. In der Hoffnung, dass die Beine dann stark genug sind für die restlichen 150 km bis nach Venedig.

Die nächste Stadt mit Bahnhof ist Cisano Bergamasco. Da ist “Berg” im Namen drin, aber ich schaffe das! Das sind noch etwa 10 km, die wir nach unserer Entscheidung allerdings auch ohne Zeitdruck fahren können. So kommt es dann auch, dass wir auf dem Weg nach Cisano Bergamasco in Brivio einen Mittagshalt machen. Wir haben ziemliches Glück mit der Auswahl unseres Restaurants. Es ist mittlerweile 32 °C und wir finden ein Restaurant direkt am Fluss Adda mit ganz tollen Sitzplätzen im Schatten unter Bäumen direkt am Wasser. Hier lässt es sich aushalten. Fast eine Stunde verweilen wir hier bei Essen und Trinken.

Dann folgen nur noch vier Kilometer bis zum rettenden Bahnhof. Natürlich gibt es kurz vorher noch einen Anstieg mit 9 %. Eigentlich keine grosse Sache, aber mittlerweile pfeifen meine Beine auf dem letzten Loch. Dann ist es geschafft! Nach gut siebeneinhalb Stunden, davon nur etwas mehr als drei in Bewegung, sind wir am Bahnhof. Es wurden heute nur etwas mehr als 40 Kilometer aber immerhin weitere gut 600 Höhenmeter.

Duomo Veccio: Runder, mittelalterlicher Dom mit Krypta

Am Bahnhof eine Fahrkarte für uns und unsere Räder zu bekommen, war alles andere als einfach. Am Bahnhof selbst gibt es keine Automaten. Auch keinen Schalter. Und kein Personal, dass man fragen kann. Wir versuchen von zwei Einheimischen Infos zu bekommen, aber die Sprachbarriere ist zu gross. Wir irren von einer Seite zur anderen. Dann treffen wir auf einen Jugendlichen. Der hat doch wohl Englisch in der Schule? Ja, hat er! Er ist nicht von hier und auch nur zu Besuch, aber er ruft jemanden an. Daraufhin kommt sein Kumpel extra zum Bahnhof und nimmt uns ein kleines Stück mit in den Ort zu einem Kiosk, der uns die Fahrkarten verkauft. Sie bleiben so lange vor dem Kiosk stehen, bis wir unsere Fahrkarten haben und verabschieden sich dann. Wir wollen uns mit einem Trinkgeld bedanken, aber sie wollen nichts annehmen. Es gibt doch noch anständige Jugendliche! Und wer fragt, bekommt auch (meistens) Hilfe, egal wo auf der Welt.

Wir müssen auch nicht lange warten und schon kommt der Regionalzug nach Brescia, wo wir ganz in der Nähe des Bahnhofs ein tolles Hotel gebucht haben. Das hat eine Bar auf der Dachterasse, die wir auch gleich in Augenschein nehmen um vor dem Abendessen noch etwas zu trinken. Wie Wunderbar! Dann suchen wir uns ein Restaurant in der Nähe aus und auch hier haben wir wieder Glück und durften ein ganz tolles Essen geniessen, bevor wir totmüde im Hotel in die Federn fielen.

Die Strecke in der Übersicht

Mehr Details zur Strecke und einige Fotos gibt es wie immer bei Komoot und bei Strava.

Dein Marcus

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