Passo Monte Ceneri

Nachdem ich gestern den Gotthardpass bezwungen hatte, kommt heute sofort der zweithöchste Pass meiner Reise mit dem Velo nach Venedig auf mich zu: Der Passo Monte Ceneri! Die Eisenbahn und auch die Autofahrer auf der Autobahn haben es wieder sehr einfach und fahren unten durch einen Tunnel hindurch auf die andere Seite. Ich habe mir natürlich den Weg oben drüber ausgesucht!

Nach der Anstrengung gestern war die Nacht definitiv zu kurz. Dennoch schaffe ich es, mich kurz vor acht Uhr auf den Weg zu machen. Dass ich den Gotthardpass geschafft habe, gibt mir vor allem mentale Energie, aber ich habe auch Bammel heute gleich wieder so viele Höhenmeter zu machen. Ausserdem habe ich auch ein klein Wenig Zeitdruck, denn am Abend treffe ich mit Dani in Como, von wo aus wir gemeinsam weiterfahren werden. Er startete gestern in Brigg und hat, während ich mich am Gotthardpass (2'106 m) abmühte, den Simplonpass (2'005 m) überquert. Mal schauen, wer zuerst in Como ankommt!

Blick in das Tal

Knapp 80 Kilometer sollen es heute werden. Der Passo Monte Ceneri kommt gleich am Anfang, vom Hotel aus sind es keine acht Kilometer. Gerade genug, um mich warm zu fahren. Vom Hotel aus geht es etwa einen Kilometer auf Gras und Schotter entlang, dann darf ich wieder auf Asphalt fahren. Der Himmel ist immer noch mit dunklen, regenschwangeren Wolken bedeckt. Während ich darüber nachdenke und hoffe, dass es heute nicht feucht wird, spüre ich schon die ersten Tropfen im Gesicht. Mist! Gerade losgefahren, schon wird es nass. Die Passstrasse schiebt sich mir in mein Blickfeld und mein Bammel wird grösser. Ausserdem beginnt es nun richtig zu regnen. Vor mir, direkt an der Strecke, taucht eine Schule auf mit einer Baumgruppe, Bank und Brunnen vor dem Pausenplatz. Hier suche ich mir Schutz, denn ich möchte nicht gleich am Morgen nass werden und dann stundenlang mit feuchten Klamotten fahren.

Während ich auf der Bank sitze, wird mir richtig kalt. Eine Jacke habe ich nicht dabei, schliesslich geht es gen Süden, aber einen Windbraker. Das muss reichen. Mein Navi zeigt mir zwar 18 Grad an, aber das ist noch warm vom Hotelzimmer und hier weht ein kalter Wind aus Norden, über die Berge. Laut Meteo Swiss soll es nur ein kurzer Schauer sein, also warte ich ab. Eine halbe Stunde, dann ist nur noch leicht am Tröpfeln und ich mache wieder auf den Weg.

Die Passstrasse

Leider bin ich nun nicht mehr warm und es geht jetzt direkt in die Steigung. Leider auch auf der sehr stark befahrenen Hauptstrasse ohne Radweg, aber immerhin mit Schutzstreifen. Der ist auch nicht ganz so schmal, es lässt sich recht gut fahren. Dennoch sind die vielen Autos und vor allem Lkws echt störend. Vor mir liegen jetzt sieben Kilometer mit etwa 10 % Steigung. Sofort spüre ich meine Beinmuskeln brennen. Die sind mir wahrscheinlich noch böse wegen gestern. Dafür brechen plötzlich die Wolken auf und die Sonne kommt zum Vorschein. Innerhalb von Minuten wird warm, als hätte jemand einen Heizstrahler eingeschaltet. Ich geniesse das! Zumindest jetzt noch, denn es wird sicher ein heisser und anstrengender Tag werden.

Wie schon gestern beim Gotthardpass fahre ich heute auch wieder “Abschnitte”: Einige hundert Meter, so weit es geht, bis die Beine zu stark brennen. Dann stoppe ich kurz für eine Minute oder zwei und es geht weiter mit dem nächsten Abschnitt. Auf der gleichen Strecke ist noch ein Pärchen unterwegs, auch Veloreisende. Leider nicht gesprächig, wahrscheinlich wegen der Anstrengung. Sie haben die gleiche Strategie und wir überholen uns mehrfach gegenseitig.

Höchster Punkt: Passo Monte Ceneri

Im unteren Abschnitt hat die Passstrasse vier Kehren, dann geht es in einem langen Aufstieg den Berg entlang vorbei am Autobahn- und Eisenbahnportal der beiden Tunnel immer weiter nach oben. Mit jedem gefahrenen Meter wird der Blick ins Tal schöner und man kann den Lago Maggiore sehen. Da werden Erinnerungen an den SlowUp Ticino wach, vor sechs Wochen sind wir auf abgesperrten Strecken unten durch das Tal geschlichen. Von hier oben kann ich die Strecke sehr gut sehen und erkenne vieles wieder.

Etwa anderthalb Stunden brauche ich für den Aufstieg. Verglichen mit dem Gotthard ist das fast nichts. Aber die Autos und Lkws sind echt nervig. So habe ich kaum Fotos gemacht und auch den Ausblick nicht wirklich genossen. Denn je länger ich auf dem Schutzstreifen bergauf fuhr, desto unangenehmer empfand ich den Verkehr. Leider ist der Pass oben auch alles andere als ansehnlich. Weder gibt es ein Hinweisschild wie bei andern Pässen, noch eine Möglichkeit anzuhalten. Das ist echt schade und ärgert mich ein bisschen, denn gerne hätte ich ein Foto mit einem Schild wie beim Gotthardpass gemacht. Das wäre noch schön gewesen.

Boote am Luganersee

Also fahre ich weiter und nach einem kleinen Stück kommt eine Tankstelle. Zeit für eine erste richtige Pause! Im Shop kaufe ich mir ein Eis und was zu trinken. Aber es gibt nirgendwo die Möglichkeit zu sitzen. Also wird die Pause nicht so entspannend und viel kürzer als ich gewollt hätte. Das Eis esse ich im stehen und auch die Fanta ist rasch vernichtet. Keine 15 Minuten später werfe ich mich in die Abfahrt. Aber es geht auf dieser Seite nicht so weit runter, wie es auf der anderen hinauf ging. Das Tal auf dieser Seite des Monte Ceneri liegt etwa 100 Meter höher als das Tal, aus dem heraus ich heute am Morgen gestartet bin.

Nach nur einem Kilometer Abfahrt lotst mich mein Navi weg von der Hauptstrasse. Ich hätte schon gerne die Abfahrt auf der Hauptstrasse genossen, denn da rollt es sich viel besser und man muss viel weniger anhalten, als auf Nebenstrassen. Aber ich freue mich trotzdem, der Hauptstrasse den Rücken zukehren zu können, denn auf der Nebenstrasse ist so gut wie kein Verkehr und es ist deutlich angenehmer. Auch wenn man es hier bergab nicht so schnell rollen lassen kann. Das entspanntere Fahren ist viel wichtiger für mich!

Blick über den Luganersee nach Italien

Fast permanent leicht bergab geht es entlang des kleinen Flusses Vedeggio über viele Brücken, die einen mal links und mal rechts vom Fluss durch kleine Dörfer führen. Hier reiht sich ein Dorf direkt an das nächste. Mit jedem Kilometer gibt es auch mehr Industrie. Direkt nach dem Flughafen von Lugano erreiche den Luganersee, dem ich nun für 25 Kilometer folgen werde. Auf der anderen Seite des Sees befindet sich bereits Italien! Aber ich werde noch einige Stunden auf der Schweizer Seite verbringen, bevor ich die Grenze passiere.

Wie es sich schon am Vormittag angekündigt hatte, ist es mittlerweile recht heiss geworden. Fast 30 Grad, obwohl der Himmel leicht bedeckt ist. Zum Glück ist es am See entlang ziemlich flach, dafür weht ein steter Gegenwind. Es ist Mittag und ich bekomme richtig Hunger, aber ich fahre und fahre und finde kein Restaurant oder Cafe. Das scheint hier am See eine reine Wohngegend mit hunderten von teuren Villen zu sein. Weil sich der Hunger aber nun schon zu einem richtigen Hungerloch entwickelt und ich nicht ein Restaurant in einer Nebenstrasse verpassen möchte, stoppe ich und nutze Google Maps zur Umkreissuche. Da ist wirklich fast nichts. Aber nur fast nichts, denn drei Restaurants tauchen in der Nähe auf. Zwei davon haben laut Maps geschlossen, aber eines soll offen haben und sogar direkt an meiner Route liegen!

Trinkwasserbrunnen in Melano

Ich hoffe sehr, dass die Angaben nicht veraltet sind und mache mich wieder auf den Weg. Laut Google Maps sollen es nur 500 Meter sein. Und tatsächlich, zwei Kurven weiter im nächsten Dorf werde ich fündig und die “Osteria Degli Amici” hat sogar geöffnet. Meine Rettung! Draussen gibt es schöne schattige Plätze und ich kann mein Velo in Sichtweite abstellen. Perfekt. Minuten später habe ich schon was kaltes zu trinken und meine bestellte Pasta kommt auch recht schnell. In so einem Hungerloch war ich schon lange nicht mehr. Auch wenn ich nicht so spät in Como ankommen möchte, nehme ich mir Zeit. Es braucht davon etwas, bis sich das Hungerloch schliesst und die erste Energie in den Muskeln ankommt.

Etwas über eine Stunde habe ich mich erholt bevor ich mich frisch gestärkt an die zweite Hälfte meiner Tagesetappe mache. Doch nun beschäftigt mich ein technisches Problem. Bereits gestern habe ich beim Aufstieg zum Gotthardpass ein knarzendes Geräusch aus Richtung des Tretlagers vernommen. Doch da war es noch recht leise und trat nur ab und zu auf. Jetzt jedoch ist es lauter geworden und nahezu permanent zu hören. Das beginnt mir Sorgen zu machen, denn bis Venedig habe ich noch ein paar hundert Kilometer vor mir. Bei einer oberflächlichen Inspektion kann ich kein Problem feststellen. Alles ist fest und hat kein unnötiges Spiel. Merkwürdig!

Die Kirche von Saints Cosmas und Damien in Mendrisio

Erstmal fahre ich weiter, wenn auch etwas beunruhight. Dabei beginne ich, an der Strecke nach einem Velomechaniker zu schauen. Wenn ich einen finde, der einen Blick darauf werfen kann, wäre das super. Vielleicht ist das Lager nur trocken und etwas Fett reicht, um das Problem zu lösen? Eine gute halbe Stunde später fahre ich durch das Dorf Melide und das Glück ist mir Hold: Obwohl heute Montag ist und die meisten Velo-Werkstätten Montags geschlossen haben, finde ich einen geöffneten Laden mit dem lustigen Namen “BicycleRace by Poggi” direkt an meiner Strecke! Und nicht nur das, es wird mir auch sofort weiter geholfen! Der Mechaniker lokalisiert das Geräusch ebenfalls im Tretlager. Er baut es aus, reinigt und fettes es und baut es wieder ein. Das Geräusch ist immer noch da! Da scheint wohl das Tretlager selbst defekt zu sein. Ersatz hat er da, ein einfaches zwar, aber immerhin. Das baut er mir sofort ein aber bei der Probefahrt, oh nein, ist das knirschende Geräusch immer noch vorhanden. Er probiert noch einiges weitere aus, kann das Problem aber nicht lösen.

Nach einer gute Stunde breche ich ab, so kommen wir hier leider nicht weiter. Ich bezahle das neue Tretlager. Auf die Berechnung seiner Arbeitszeit verzichtet er, da er das Problem nicht beheben konnte. Das finde ich fair. Also fahre ich mit einem knirschenden Tretlager nach Venedig in der Hoffnung, dass dadurch nichts schlimmeres passiert oder mehr kaputt geht. Wenn ich dann wieder Zuhause bin, wird sich der Velo-Mech meines Vertrauens darum kümmern. Der wird das schon richten.

Kleiner Einschub: Als ich wieder Zuhause war und sich mein Velo-Mech um das Problem kümmern konnte, wusste er beim Geräusch sofort, was es war und konnte es innert kürzester Zeit in Ordnung bringen. Dabei hat er auch bemerkt, dass wieder das alte Tretlager eingebaut wurde und nicht das neue, dass ich bezahlt hatte. Allerdings ist das eine gute Nachricht, denn das alte Tretlager ist ein sehr hochwertiges und definitiv besser, als das in Melide angeblich eingebaute! Und dass ich 70 Franken dafür bezahlt habe, ist auch verschmerzbar, denn der Mechaniker hat immerhin eine Stunde an meinem Velo gearbeitet. Insofern also überraschend, aber mit einem guten Ende!

Doch zurück zum dritten Tag. Nach über einer Stunde Mittagspause und jetzt noch eine gute Stunde beim Velo-Mechaniker bin ich nun recht spät dran. Das ist nicht schlimm, die Rezeption im Hotel ist bis 22 Uhr besetzt, aber ich treffe mich im Hotel mit Dani aus Brig und wir möchten noch zusammen Essen gehen. Also verspüre ich einen gewissen Druck. Also weiter gehts! Aus Melide raus geht es nach Bissone über eine Brücke über den Luganersee. Der Himmel war schon den ganzen Tag nicht blau, aber nun scheint es sich wieder zu zu ziehen. Hoffentlich komme ich trocken nach Como.

Katholische Kirche in Coldrerio

Am südlichen Ende des Luganersees angekommen, verlasse ich ihn und folge grob dem Flüsschen Laveggio nach Mendrisio. Am Ortsanfang muss ich noch eine Steigung von fast zehn Prozent meistern. Die ist zwar nur etwa einen Kilometer lang aber es ist immer noch ziemlich warm und so gönne ich mir im Ort erst mal ein leckeres Glace. Beim Passieren sieht Mendrisio echt schön aus, aber natürlich nehme ich mir keine Zeit für Besichtigungen. Heute ist nicht der Weg das Ziel, sondern das Hotel in Como. Aus dem Ort raus geht es wunderbar entspannt bergab und schon bin ich in Chiasso. Hier ist es nicht schön zu fahren, der Ort ist nicht für Radler gemacht. Viele Einbahnstrassen und Umleitungen. Aber hier befindet sich die Grenze nach Italien, da muss ich rüber. Irgendwann habe ich es auch geschafft, nach gefühlt dutzenden Richtungswechseln, mal links, mal rechts. Zum Glück habe ich ein Navi, denn Beschilderungen für Velofahrer gibt es hier anscheinend nicht.

Nun ist es nicht mehr weit! In Italien habe ich nur etwa fünf Kilometer vor mir. Dafür einen letzten Anstieg. Etwa zwei Kilometer mit sechs bis zwölf Prozent. Nach einem langen Tag und den zwei Pässen gestern und heute bin ich fix und alle und selbst ein so kleiner Anstieg wirkt plötzlich wie ein Gebirge. Aber du weisst schon: Kleiner Gang rein, fahren, Pause, fahren, Pause, und so weiter. Gute 20 Minuten brauche ich für die beiden Kilometer, dann kann ich mein Velo bis nach Como an den Comersee bergab rollen lassen. Geschafft! Am See noch rasch ein Foto mit meinem Gravelbike machen und dann ab ins Hotel.

Mein Velo am Comersee

Im Hotel bin ich dann tatsächlich der Erste! Dani trifft aber nicht viel später ein, ich war gerade mit meiner Dusche fertig. Dann haben wir uns ein Restaurant am See heraus gesucht um unsere Energiespeicher für den nächsten Tag zu füllen. Auf dem Weg ins Hotel gab es noch ein leckeres italienisches Glace und schon sind wir beide todmüde ins Bett gefallen. Immerhin war ich mit allem heute knapp zehneinhalb Stunden unterwegs, wovon ich nicht ganz fünfeinhalb Stunden in Bewegung war und ich habe in dieser Zeit knapp 80 Kilometer mit knapp 700 Höhenmetern bewältigt.

Die Strecke in der Übersicht

Mehr Details zur Strecke und einige Fotos gibt es wie immer bei Komoot und bei Strava.

Dein
Marcus

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