Der Gotthardpass

Bei meiner Reise mit dem Velo nach Venedig stosse ich heute auf meinen Angstgegner: Den 2'106 m hohen Gotthardpass! Eigentlich hätte der Gotthardpass erst kommenden Donnerstag zu Auffahrt geöffnet werden sollen. Aber weil es diesen Winter rekordverdächtig wenig Schnee gab, wurde er bereits vorgestern am Freitag geöffnet, fast eine Woche vorher. Da habe ich Glück gehabt – oder auch nicht, denn dann hätte ich gute Ausrede gehabt um den Zug durch den Gotthardtunnel zu nehmen. So gibt es nun keine Ausrede mehr! Um sechs Uhr klingelt mein Wecker, ich mache mich fertig und packe alles zusammen. Kurz nach sieben Uhr sitze ich im Sattel und es geht los!

Mein Velo auf einer alten Brücke

Kurz nach der Abfahrt passiere ich kurz vor Wassen eine schöne alte Brücke. Den Blick aus Wassen kenne ich sehr gut vom Zug aus, denn dieser macht hier innerhalb des Berges zwei Kehren und fährt somit insgesamt drei mal an Wassen vorbei, um Höhe zu gewinnen und direkt hinter Göschenen in den alten 15 km langen Gotthardtunnel einzufahren. Genau wie der Zug so muss auch ich in Wassen zwei grosse Kehren fahren. Drei mal an der markanten Pfarrkirche St. Gallus vorbei. Zwei mal unterhalb, ein mal oberhalb. Hier in Wassen zweigt auch die Sustenstrasse ab, die über den 2'224 m hohen Sustenpass führt. Nicht meine Richtung und ausserdem sogar höher als der Gotthardpass, also folge ich lieber der Gotthardstrasse.

Toller Blick auf “Hinter Neiselen”

Von Wassen nach Göschenen sind es noch ein paar Höhenmeter und mittlerweile übertönt mein Schnaufen jeden Zug, der sich hier hoch quält. Aber es gibt was, das meine Stimmung hoch hält: Die einzigartige Gegend, die Natur, der tolle Ausblick. Und überall gibt es Anwohner. Auch an Stellen, bei denen ich mich frage, wie die da überhaupt hinkommen. Geschweige denn wie dort ein Haus gebaut werden kann. Ich versuche mich von meinen brennenden Beinen so gut es geht abzulenken und zwinge mich, die Natur zu geniessen. Immerhin ist es noch vergleichsweise kühl, denn ich bin früh gestartet. Das hilft!

Dann stehe ich unvermittelt fast auf der Autobahn. Direkt neben mir rauscht die A2 vorbei, ich kann quasi meine Hand ausstrecken und fast die Autos erreichen. Ein Gewirr von Strassen und Verbindungswegen, Auf- und Abfahrten. Ein ganzes Dutzend Strassen eng nebeneinander. Es ist die Einfahrt zum 17 km langen Gotthard-Strassentunnel mit der letzten Möglichkeit der Abfahrt und zudem noch vielen Wegen, um bei einer Sperrung des Tunnels die Fahrzeuge ableiten zu können. Hach, was wäre es schön, könnte ich das Gotthardmassiv im Tunnel durchfahren. Aber für die Autobahn bin ich nicht schnell genug, also geht es weiter die Gotthardstrasse entlang.

Göschenen

Durch Göschenen hindurch geht es nun schon merklich steiler bergauf. Leider hat es hier keine geöffneten Geschäfte, sonst hätte ich mir noch etwas Verpflegung für unterwegs gekauft. Das muss nun bis Andermatt warten. Knappe zehn Kilometer und ich sollte dort sein. Dann gönne ich mir was zu Essen und zu Trinken. Aber erstmal hinkommen! Hinter Göschenen geht es weiter mit den Schleifen. Immer ein Stück geradeaus, dann zwei oder drei Serpentinen. Wobei es geradeaus nicht weniger steil ist als in den Serpentinen. Leider muss man nach Göschenen auf die Hauptstrasse. Mit einem aufgemalten Velostreifen.

Nach so etwa zwei Kilometern erreicht man direkt in der Kehre einer Serpentine einen Veloweg, der nicht mehr auf der Strasse entlang führt. Der neu gebaute und im Sommer 2019 nach fünf Jahren Bauzeit eröffenete Veloweg! Auf den habe ich mich gefreut, muss ich doch nicht mehr auf der Hauptstrasse fahren. Denn steil bergauf auf einer stark befahrenen Strasse macht echt keinen Spass!

Gestaltete Landschaft

Der Anfang des neuen Velowegs war gleich mega-steil, sicher über 20%! Von der Strasse weg muss man in einer 180-Grad-Kehre in wenigen Metern so viel Höhe gewinnen, dass man über der Galerie für die Bahn, die über der Strasse liegt, weiter fahren kann. Das war schon heftig. Zum Glück ist es bald etwas weniger steil, aber immer noch extrem anstrengend und alle paar Minuten muss ich eine kleine Pause einlegen. Dieser Veloweg ist nichts für Anfänger! Eher etwas für E-Mountainbiker. Ich hätte mir den Weg definitiv weniger steil gewünscht, dafür dann mit mehr Kehren.

Zudem stehen überall Schilder, dass man nicht stehenbleiben soll: Steinschlaggefahr. Wie stellen die sich das vor, einen über 2'000 m hohen Pass mit Steigungen zwischen 10 und 20 % auf einem bepackten Velo ohne Anhalten hochzufahren? Alle paar Meter steht so ein Schild und ich fühle mich jedes mal total verarscht. Immerhin haben die Erbauer daran gedacht, zumindest in der so genannten Bäzkehre für Velofahrer und Wanderer einen Rastplatz mit Grill und Feuerholz anzulegen. Hier darf man stehenbleiben, oder?

Nach einigen sehr anstrengenden Kilometern erreiche ich die Schöllenschlucht. Das erste, was man sieht, ist das 1898 errichtete Suworow-Denkmal. Es erinnert an die gefallenen Soldaten des Gefechts, das am 25. September 1799 im Rahmen des Zweiten Koalitionskrieges in der Schlucht zwischen napoleonischen Truppen unter Claude-Jacques Lecourbe und Truppen des russischen Zaren unter General Alexander Wassiljewitsch Suworow stattfand. Der Boden, auf dem das Denkmal steht, gehört zwar der Russischen Botschaft in Bern und Russland hat auch das Denkmal errichtet. Allerdings weigert Russland sich, es zu pflegen. Da ist dann in den 1980er Jahren die Gemeinde Andermatt eingesprungen. Als ich daran vorbei fuhr, sind mir blaue und gelbe Farbklekse aufgefallen. Anscheinend ein Anschlag mit Hintergrund des russischen Invasionskrieges in der Ukraine. Auch hier in den Bergen auf fast 1'500 m wird man davon eingeholt.

Die Teufelsbrücke(n) in der Schöllenschlucht

Nach dem Denkmal kommt die Teufelsbrücke ins Blickfeld. Um den Bau im Jahre 1830 rankt sich eine lustige Sage: Der Teufel bot den Urnern an, ihnen beim Bau zu helfen, sofern er als Gegenleistung die Seele des Ersten erhielte, der die fertige Brücke überschritt. Die schlauen Urner schickten eine Ziege hinüber, was den Teufel so fuchsteufelswild machte, dass er sein Werk umgehend zerstören wollte. Doch eine fromme Frau ritzte ein Kreuz auf den grossen Stein, den der Teufel werfen wollte. Der Brocken verfehlte die Brücke und fiel die gesamte Schöllenenschlucht hinunter. Gut für mich, denn der Wander- und Veloweg führt über die besagte alte Teufelsbrücke. Für die Autos auf der Gotthardstrasse wurde direkt darüber eine neue Brücke errichtet und auch die Bahn hat im Hintergrund eine eigene Trasse.

Von hier aus ist es nur noch ein kleines Stückchen nach Andermatt. Das fährt sich sogar ganz entspannt, denn Andermatt liegt auf einer kleinen Ebene. Ich bin jetzt schon vier Stunden unterwegs und total platt. Daher fahre ich nicht an der Hauptstrasse an Andermatt vorbei, sondern entscheide mich durch den Ort zu fahren und nach etwas essbarem Ausschau zu halten. Das Glück war mir hold, bei einer Bäckerei mit Aussenbestuhlung wurde ich fündig. So richtig Hunger hatte ich zwar nicht, aber ich musste jetzt etwas essen und nicht erst wenn der Bauch zwickt. Denn dann ist es schon zu spät und ich habe noch einige Höhenmeter vor mir.

Eine Dreiviertelstunde später fahre ich frisch gestärkt und mit aufgefüllten Wasserflaschen weiter. Bis zum nächsten Ort, Hospental, noch relativ eben. Dann warnt mich schon ein Schild (“steigt 630 m auf 9 km”) und es geht wieder in die Steigung. Mein Garmin zeigt mir 13 % an. Aber es hilft nichts, ich muss da hoch. Direkt auf der Hauptstrasse. Ohne Radweg. Ohne Velostreifen. Zwischen rasenden Autos und lebensmüden Motorradfahrern. Mir fehlt es an Kondition, also geht es hier so weiter wie zuvor: Ein paar hundert Meter fahren, dann eine kurze Pause einlegen. So schaffe ich die wahrscheinlich gefährlichsten sechs Kilometer des heutigen Tages.

Die alte Gotthardstrasse auf der Nordseite, mit Kopfsteinpflaster und Schneeresten

Dann erreiche ich die alte Gotthardstrasse. Fast alle fahren auf der neuen Gotthardstrasse weiter zum Pass, denn die ist vorzüglich asphaltiert. Die alte Gotthardstrasse ist sehr uneben und besteht aus Kopfsteinpflaster. Nur wenige Autos fahren hier entlang und fast keine Motorräder. Diese Strasse ist für mich nach den letzten Kilometern wie das Paradies auf Erden! Na ja, fast, denn ich muss immer noch höher und sie ist nicht weniger steil. Aber ich habe nun kein ungutes Gefühl mehr, wenn ich alle paar hundert Meter anhalte um Luft zu holen, meinen Beine eine Pause zu gönnen und etwas zu trinken.

Vor zwei Tagen erst wurde die Passstrasse eröffnet. Dafür gibt es erstaunlich wenig Schnee zu sehen. Nur abseits der Strasse ein paar kleine Flecken im Schatten einiger Felsen. Als ich 2019 den Gotthardpass von Süden her mit meinem E-Bike gefahren bin, hatte ich direkt an der Strasse zwei Meter hohe Schneewände. Dieses Jahr ist da nichts. Gar nichts. Angeblich war es der Winter mit dem wenigsten Schnee auf dem Gotthard seit Messbeginn. Echt schade, denn der Schnee würde kühlen. Stattdessen brennt die Sonne. Ich habe kaum noch Kraft und schleppe mich in Hundert-Meter-Stücken weiter den Pass hinauf. Keine Ahnung, wo die Watt her kommen, die mich jetzt noch Meter um Meter erklimmen lassen.

Dann geht mir auch noch das Wasser aus! Zum Glück sehe ich schon die Windkraftanlagen, die oben am Pass stehen, es ist also nicht mehr weit. Kurz darauf ist es dann geschafft: Ich bin oben! Auf 2'106 m über dem Meer! Mit meinem Gravelbike! Mit Gepäck! Ohne Motor! Knappe dreissig Kilometer in gut neun Stunden (inklusive Pausen). Aber geschafft!

Mein Velo auf dem Gotthardpass

Natürlich mache ich zuerst ein paar Beweisfotos, dann gönne ich mir an einem Stand beim Parkplatz eine Bratwurst und einen ganzen Liter zu trinken! Der geht auch voll rein, nicht ein Tropfen bleibt über. Ich mache richtig lange Pause. Aber nach etwa 40 Minuten sehe ich, wie sich der Himmel verdunkelt. Es zieht ein Gewitter auf. Das geht in den Bergen immer sehr, sehr schnell. Also fix rauf aufs Bike und runter vom Berg!

Meine Idee: Bergab bin ich vielleicht schneller als das Gewitter und ich kann dem Regen davon fahren. Dabei gibt es aber zwei Probleme: Die Tremola, die alte Gotthardstrasse, besteht auch im Süden aus Kopfsteinpflaster und ist alles andere als eben. Zweitens hat es auf dieser Seite viel mehr Serpentinen, es geht also entsprechend viel mehr hin und her statt vom Gewitter weg. Dennoch bin ich fest entschlossen, das Beste draus zu machen. Mein Gepäck ist gut gesichert und ich fahre kein Rennrad, sondern ein Gravelbike. Mit den breiteren Reifen und dem Carbonrahmen komme ich mit der Strasse deutlich besser klar, als die anderen Radler hier am Pass.

Ich auf dem Gotthardpass

Also los, ich stürze mich in die Abfahrt! Es rüttelt, es schüttelt. Bergab werde ich immer schneller, vor jeder Kehre muss ich extrem runterbremsen. Mein Gravelbike tut mir leid. Meine Bremsen tun mir leid. Mein Hintern tut mir leid. Meine Hände tun mir leid. Aber ich fahre so schnell es die Gegebenheiten zulassen, ohne ein zu grosses Risiko einzugehen. Insgesamt zähle ich 37 Kehren, dann habe ich wieder Asphalt unter den Reifen und erreiche Airolo – trocken!

Aber Airolo ist nicht mein Tagesziel, ich habe mir in Bellinzona ein Hotelzimmer reserviert. Immerhin kenne ich die Strecke und ich weiss, dass es von Airolo nach Biasca etwa 40 Kilometer lang bergab geht. Auf Asphalt und nur mit einer einzigen Serpentine mit zwei Kehren. Hier kann ich also rasch viel Strecke machen. Ohne anzuhalten rausche ich durch Airolo durch. Und dann passiert es doch: Nach gut zehn Kilometern spüre ich die ersten Tropfen. Erst wenige, dann immer mehr. Schliesslich noch Blitz und Donner. Genau da komme ich im Dorf Rodi am Sportplatz vorbei, auf dem ein Festzelt aufgebaut wurde. Dort suche ich Schutz. Kaum drin, geht es draussen so richtig los!

Adler-Denkmal auf dem Gotthardpass

Ich schaue mich um: Es hat Bänke und Tische. Eine Seite des Festzelts endet direkt am Vereinsheim mit Toilette und Wasser. Also nutze ich die Zwangspause und folge dem Ruf der Natur. Dann trinke ich noch etwas, erhole mich auf einer der Bänke und nur 15 Minuten später ist der Spuk schon vorbei. Was für ein Glück: Genau rechtzeitig Unterschlupf gefunden, alles wichtige erledigt und im Prinzip keine Zeit verloren. Gut gelaunt schwinge ich mich wieder aufs Velo und weiter gehts. Es ist jetzt deutlich kühler geworden, wenn auch immer noch ziemlich warm. Die Strasse dampft, fast wie in einer Sauna, und zusätzlich werden ich noch unten nass. Aber es ist okay und stört mich nicht. Hauptsache, ich komme gut voran!

Genau eine Stunde bin ich wieder unterwegs, als kurz vor Biasca ein weiterer Gewitterschauer kommt. Wieder volles Programm mit Sturzregen, Blitz und Donner. Wieder habe ich Glück, wieder ein Vereinsheim. Diesmal nicht mit Zelt, aber mit Vordach und einer Bank darunter. Die Toiletten sind leider abgeschlossen. Aber ich war ja gerade eben und Wasser habe ich auch genug. Wieder dauert es wie vorher gerade mal 15 Minuten und ich kann weiter fahren. Natürlich ist die Strasse nun wieder sehr feucht und ich spüre auch die ersten Zeichen von Feuchtigkeit in meinen Veloschuhen. Aber es ist noch okay, es ist warm. So warm, dass es wieder von der Strasse dampft und das Atmen schwer macht. Ich erreiche Biasca und fahre ohne Pause weiter.

Die Tremola (alte Gotthardstrasse) im Süden

Die 40 Kilometer von Airolo herunter waren ein Traum, der leider viel zu schnell vorbei war. Immerhin geht es nach Bellinzona nicht berauf, sondern wie plattgebügelt das Tal entlang. Rund 20 Kilometer muss ich noch nach Bellinzona schaffen. Das ist eine Zahl, die mich motiviert. In etwa einer Stunde sollte es zu schaffen sein. Dann muss ich noch durch Bellinzona durch, mein Hotel liegt am südlichen Stadtrand. Das sind vielleicht noch zusätzliche fünf Kilometer. Kein grosses Ding.

Ohne grosse Probleme erreiche ich Bellinzona. Dann beginnt es wieder zu regnen. Aber zum Glück kommt kein Gewitterschauer, es tröpfelt nur leicht vor sich hin. Ich drücke mir selbst die Daumen, dass es nicht schlimmer wird und ich das Hotel ohne weitere Verzögerungen erreichen kann. So gebe ich noch mal Gas und hole das letzte aus meinem geschundenen Körper heraus. Geschunden. Das hört sich so pathetisch an. Aber für mich passt es. Die Muskeln schreien, die Beine brennen. Das, was mir jetzt noch Kraft gibt, ist die Tatsache, dass ich es über den Gotthardpass geschafft habe und das Hotel fast in Sichtweite ist.

Dann komme ich an. Endlich. Nach 14 Stunden. Davon sieben Stunden in Bewegung. Über 100 Kilometer und fast 1'400 Höhenmeter. Zu Essen gibt es jetzt nichts mehr, das Restaurant schliesst gerade. Aber da das Hotel auf dem Areal einer Autobahnraststätte liegt, hole ich mir im dortigen Marché noch was zu essen zu trinken. Das wandert auch ganz schnell in meinen Magen und plötzlich werde ich so müde, dass mir die Augen zufallen. Was für eine Anstrengung heute. Ab ins Bett…

Die Strecke in der Übersicht

Mehr Details zur Strecke und viele Fotos gibt es wie immer bei Komoot und bei Strava.

Dein
Marcus

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