Mit Dem Fahrrad Nach Venedig

Es ist schon eine Tradition geworden: Seit zehn Jahren machen wir jedes Jahr an einem Wochenende eine gemeinsame Städtereise. Sogar während der Corona-Pandemie hatten wir immer eine Lösung gefunden. Dieses Jahr war Venedig an der Reihe. Dank eines Feiertages wurde es sogar ein langes Wochenende. Wir, das sind ausser mir noch Gabi, Gloria, Manu und Dani. Mit Dani habe ich schon einige Tagestouren mit dem Velo gemacht und für nächstes Jahr planen wir gemeinsam etwas ganz grosses. So kam rasch die Idee auf, dass wir uns ein paar Tage frei nehmen und gemeinsam mit dem Velo nach Venedig fahren. Also Dani und ich! Die Mädels sind nicht so Velo-affin und nehmen lieber den Zug.

Da war sie also, diese Idee. Eine blöde Idee. Immerhin bedeutete es, sowohl den Gotthardpass (2'106 m) wie auch den Passo Monte Chineri (554 m) zu überwinden. Das mit der blöden Idee kam wohl auch Dani in den Sinn, denn er wohnt nicht wie ich in Luzern sondern in Brig und muss von dort über den Simplonpass (2'005 m). Denn wir haben schnell gemerkt, dass es am meisten Sinn macht, wenn wir getrennt starten und uns am Comersee treffen. Aber keiner von uns hat sich getraut, das mit der blöden Idee laut auszusprechen und einen Rückzieher zu machen. Der Tag der Abfahrt rückte immer näher, die Hotels waren gebucht. Das Muffensausen nahm zu. Dann ging es los!

Mein Velo, fertig gepackt und abfahrbereit

Wie immer am ersten Tag dauert es eine Weile, bis ich alles parat habe. Um halb elf setzte ich mich endlich in Bewegung! Die ersten Kilometer in Richtung Süden sind immer sehr entspannt. Zuerst auf einer Fahrradstrasse, dann auf dem Freigleis, einem ehemaligen Bahntrassee (die Bahn fährt seit einigen Jahren unterirdisch) raus aus Luzern und bei Horw an den Vierwaldstättersee. Alles sehr eben, keine nennenswerten Steigungen. Ideal, um warm zu werden. Genauso eben geht es weiter durch Hergiswil und Stansstad, am Flugplatz Buochs mit den Pilatus Flugzeugwerken vorbei bis nach Beckenried zur Autofähre. Denn ich folge hier dem nationalen Veloweg 3, der Nord-Süd-Route, die hier die Seeseite wechselt.

Vierwaldstättersee mit Alpenpanorama

Dumm gelaufen: Ich habe die Abfahrt der Autofähre um zwei oder drei Minuten verpasst und kann ihr nur hinterher schauen. Die Fähre fährt nur stündlich, das bedeutet also für mich eine Stunde warten. Nach ein paar Minuten realisiere ich, wie heiss es schon geworden ist und wie die Sonne heute runterknallt. Schade, sind die Sitzplätze im Wartebereich der Fähre in der prallen Sonne. Also suche ich mir ganz schnell ein schattiges Plätzchen in der Nähe, ich habe schliesslich Zeit genug. Auf dieser Seite des Sees kann ich nicht weiter fahren, dort gibt es keine Möglichkeit für Velofahrer. Nur als Autofahrer über die Autobahn durch einen Tunnel. Also habe ich keine andere Möglichkeit, als auf die nächste Fähre zu warten. Dabei mache ich mir Gedanken, wie spät es heute Abend werden könnte, wenn ich jetzt schon eine ganze Stunde verliere. Aber ich kann es nicht ändern.

In Gersau am Vierwaldstättersee

Irgendwann ist es dann so weit, die Fähre ist zurück und mit einer Stunde Verspätung komme ich jetzt auch über den See. Also geht es nun auf der anderen Seeseite weiter, erst durch Gersau, dann durch Brunnen. Hinter Brunnen fällt der Berg sehr steil zum See hin ab und die Strasse ist teilweise in den Fels geschlagen. Hier auf der Axenstrasse gibt es oft Steinschläge und Strassensperrungen. Der Hang wird mit Sensoren überwacht, durch die die Strasse mit einer Ampel automatisch gesperrt werden kann. Das ist in letzter Zeit öfters passiert, aber heute ist die Strasse offen und ich wage mich die etwa zehn Kilometer nach Flüelen unter die Räder zu nehmen.

Die Axenstrasse gilt für Velofahrer als sehr gefährlich

Doch nicht nur die Steinschläge machen ein Passieren gefährlich. Durch die beengten Verhältnisse gibt es keinen durchgängigen Radweg und man muss mit dem Velo öfters auf die sehr stark befahrene und teilweise schlecht einsehbare Strasse ausweichen. Zum Glück finden teilweise Bauarbeiten statt, die Situation zu verbessern. Denn für eine offizielle nationale Veloroute ist so ein gefährliches Stück Strasse ehrlich gesagt eine Schande. Ich hoffe, dass sich hier die Situation für Velofahrer in den nächsten Jahren drastisch bessert.

Blick von der Axenstrasse (links im Fels) auf den Vierwaldstättersee und das Gotthardmassiv (im Hintergrund)

Nach gut zehn Kilometern habe ich diesen gefährlichen, aber wunderschönen Abschnitt hinter mir und erreiche Flüelen, den südlichsten Punkt des Vierwaldstättersees. Bis hier hätte ich auch von Luzern aus mit dem Schiff fahren können, dann hätte ich fast 50 Kilometer gespart. Aber ich bin schliesslich auf einer Veloreise. Immerhin habe ich mir heute noch nicht den Gotthardpass vorgenommen, meinen Angstgegner. Der wartet morgen auf mich! Heute werden ich nur bis Gurtnellen fahren. Ganz einfach ist das allerdings auch nicht, denn es sind immerhin 70 Kilometer und ich bin sehr spät losgekommen.

Bis Flüelen war noch der entspannte Teil. Jetzt beginnt der Anstieg in Richtung des Gotthardpasses, zum Glück noch relativ flach und nicht so steil. Als ich in Altdorf am Bahnhof vorbei komme, entscheide ich mich spontan für eine ausgiebige Pause. Dort gibt es einen gut ausgestatteten Supermarkt, in dem ich mich Verpflege und dann vor dem Bahnhof auf einer Bank raste, esse und trinke. Von hier aus habe ich zwar nur noch etwa 20 Kilometer, allerdings wird der letzte Teil davon richtig steil und anstrengend werden.

Die Reuss als wilder Fluss

Frisch gestärkt geht es also weiter bergauf. Bei Erstfeld wird das Tal schon ziemlich eng und ich fahre nun immer an der Reuss entlang. Mal auf der einen, mal auf der anderen Seite des Flusses. Bei Amsteg, etwa acht Kilometer vor meinem Tagesziel wird es dan richtig steil. Richtig Steil. Also richtig steil. Bei der Planung mit Komoot wurde mir die Steigung schon mit rot angezeigt, mein Garmin Fahrradnavi zeigt sie mir jetzt sogar in dunkelrot an. Zum Glück ist die Strasse hier kaum befahren! Ich stehe vor einer nahezu senkrechten asphaltierten Wand, die man kaum noch Strasse nennen kann.

Ich schwanke kurz, ob ich mich weinend auf den Boden fallen lassen soll, aber dann wähle ich den ersten Gang an meinem Gravelbike (eine ordentliche Untersetzung von 0.65 mit 34 Zähnen vorne und 52 Zähnen hinten) und beginne mich in Etappen von hundert Metern von Pause zu Pause die Strasse hinauf zu arbeiten. Nach ein paar Kilometern wird sie zum Glück etwas weniger steil. Aber immer noch steil. Nach fast 70 Kilometern am ersten Tag und ohne jedwedes Training vorher bin ich ziemlich am Ende. Und als ich nach einer gefühlten Ewigkeit an meinem Tagesziel in Gurtnellen ankomme, fühlt es sich an, als wäre ich den Gotthard bereits komplett hochgefahren.

Die Reuss hat sich tief in das Tal gegraben

Jetzt heisst es erstmal duschen, dann eine riesige Pizza essen und bloss nicht an morgen denken! So waren es heute knapp 70 Kilometer mit den ersten 650 Höhenmetern. Ich war etwas weniger als vier Stunden in Bewegung, habe aber 6:40 h benötigt. Wenn ich da die verpasste Fähre abziehe, habe ich etwa 1¾ h Pause benötigt. Eigentlich nicht so viel! Wahrscheinlich sogar etwas zu wenig in den ersten ⅔ der Tour, was sich hintenraus etwas gerächt hat.

Die Strecke in der Übersicht

Mehr Details zur Strecke und einige Fotos gibt es wie immer bei Komoot und bei Strava.

Dein
Marcus

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