Die Ersten Hundert

Vor genau einer Woche am SlowUp im Tessin habe ich die erste Tour mit der neuen elektronischen Schaltung an meinem Gravelbike absolviert. Das war eine sehr chillige kleine Runde. Heute nun ist es Zeit für einen “richtigen” Test, eine grosse Ausfahrt mit viel Gravel, viel Wald, viel bergauf und einer langen Abfahrt.

Los geht es wie so oft direkt von Zuhause im Zentrum von Luzern. Doch die Fahrt aus der Stadt heraus ist relativ entspannt, ich bin auf einer ruhigen Quartierstrasse in wenigen Minuten an der Reuss. Ich folge dem Fluss auf einem guten, asphaltierten Veloweg Richtung Norden aus der Stadt heraus. Am Stadtrand biegt der Fluss nach Osten ab und ich folge ihm weiter durch ein Waldgebiet. Anfangs ist noch relativ viel los, doch nach wenigen Kilometern bin ich fast alleine unterwegs und der Weg geht in festen Gravel über, auf dem es sich sehr gut fahren lässt. Eine ideale Strecke, um nach dem Start langsam warm zu werden und die Muskulatur auf ideale Betriebstemperatur zu bringen.

Mein Velo auf einer Brücke über der Reuss

Bei Kilometer 13 komme ich an der Autobahnraststätte St. Katharina Süd vorbei. Die ist direkt vom Veloweg aus zugänglich und bietet für Velofahrer Tische und Stühle, um selbst mitgebrachte Speisen oder im Tankstellenshop Erworbenes zu verzehren. Aber ich bin erst wenige Minuten unterwegs, also fahre ich (wie immer an dieser Stelle) vorbei. Kurz nach der Raststätte überquere ich den Fluss und fahre auf Quartierstrasse mit einer schönen angenehmen Steigung durch Root. Dann geht es neben der Hauptstrasse nach Rotkreuz. Hier mache ich hinter dem Bahnhof bei Kilometer 20 eine kleine Pause beim Bäcker. Etwas kleines Essen und natürlich auch trinken. Ganz besonders letztes ist wichtig, denn es wird sehr warm und ich bemerke, dass ich mein Wasser daheim vergessen habe. Also kaufe ich mir frisches Wasser zum Mitnehmen und bin für die Weiterfahrt gerüstet.

Kurz nach Rotkreuz führt der Veloweg mitten durch einen Golfplatz und man kommt auf einer kleinen Anhöhe heruas, von wo aus einen ersten herrlichen Blick auf den Zugersee und die umgebenden Berge gibt. Man kann auch wunderbar ohne Steigungen um den ganzen See herum fahren. Aber das wäre mir heute zu langweilig. Ich fahre auch um den genzen See herum, aber mit viel mehr Abstand und viel mehr Höhenmetern. Dennoch geht es erst ein Stück am See entlang durch Cham hindurch bis nach Zug. Dort verlasse ich den Zugersee und fahre zur Lorze, einem kleinen Flüsschen, dass in den Zugersee mündet. Diesem Fluss folge ich nun 15 Kilometer flussauf bis zum Ägerisee, aus welchem er entspringt.

Zugersee

Der Ägerisee befindet sich ein paar hundert Höhenmeter über dem Zugersee. Bevor es in die Steigung geht, mache ich in Baar noch eine kleine Pause und fülle meinen Energiespeicher auf. Dann werfe ich mich direkt in die Steigung. Aus Baar heraus geht es in den Wald, erst noch mit sehr moderater Steigung auf einer Asphaltstrasse. Diese führt direkt neben der Lorze zu den Höllgrotten, das sind weltweit einzigartige Tropfsteinhöhlen. Sicher sehr sehenswert, ich habe schon tolle Bilder davon gesehen, aber heute habe ich keine Zeit dafür. Für mich geht es direkt ohne Pause weiter. Ab hier ist der Weg nicht mehr asphaltiert und er wird deutlich steiler, ist aber mit dem Gravelbike weiterhin problemlos zu befahren.

Von hier an muss man allerdings auch etwas aufpassen und für andere mitdenken: Viele Feriengäste mieten sich oben ein Velo, um am Fluss entlang durch den Wald nach unten zu fahren. Viele davon, gerade jüngere, gerne auch etwas schneller. Da der Weg durch den Wald auch viele Kurven hat, sollte man immer möglichst weit rechts fahren und damit rechnen, dass einem jemand auf der eigenen Seite entgegen kommt, der die Kurve zu schnell genommen hat. Es sind zum Glück keine Massen, so dass es immer noch Spass macht durch den Wald nach oben zu fahren. Viel mehr Spass, als auf der stark befahrenen Hauptstrasse!

Die Lorze im Wald

Dabei kommt man an einem kleinen Wasserkraftwerk im Lorzentobel vorbei. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf das Viadukt der alten Lorzentobelbrücke. Im Hintergrund sieht man das moderne Bauwerk der neuen Lorzentobelbrücke. Klar, dass die alte viel schöner ist mit ihrem tollen Viadukt! Durch eine überdachte Holzbrücke geht es auf der anderen Seite dann wieder weiter den Fluss entlang durch den Wald nach oben. Dabei sieht man immer wieder stellen mit Erdrutschen. Das ist hier normal, der ganze Lorzentobel ist in Bewegung. Das führt immer wieder zu Sperrungen. Aber so ist die Natur und zum Glück wird hier nicht alles künstlich befestigt.

Wenn man dann den Wald verlässt, kommt man an die Hauptstrasse und hat es fast geschafft. Als ich dort ankam, war die Hauptstrasse allerdings voll gesperrt, auch für Velofahrer und Fussgänger. Sie war quasi nicht mehr vorhanden, alles war aufgerissen. Aber es gab einen vorbereiteten kleinen Umweg über eine Wiese auf eine andere Strasse. Der war allerdings nur geschottert und so steil, dass mein Hinterrad durchdrehte und ich die hundert Meter schieben musste. Dann ging es ein kleines Stück die Hauptstrasse entlang nach Unterägeri hinein, wo die Lorze dem Ägerisee entspringt. Geschafft, ich bin oben!

Ägerisee

Nun geht es um den halben See herum auf die andere Seite. Unterwegs habe ich noch eine schöne Bank im Schatten eines Baumes mit Blick auf den See gefunden. Nach dem anstrengenden Aufstieg habe ich hier eine weitere Pause eingelegt und etwas gegessen und getrunken. Das tat mir sehr gut und ist auch sehr wichtig, denn auf der anderen Seite des Sees muss ich noch über den Sattel. Dort warten also noch ein paar finale Höhenmeter auf mich, bevor ich die Abfahrt geniessen kann. Nach der Pause und um den See herum ist es natürlich sehr flach. Zum Glück, denn es kam deutlich spürbarer Gegenwind auf. Wäre es noch zusätzlich bergauf gegangen, hätte mir die Power sicher hintenraus gefehlt.

Vom Ägerisee weg rauf zum Sattel habe ich nicht die recht stark befahrene Hauptstrasse genommen, sondern bin der offiziellen Veloroute 9 gefolgt. Die ist ein bisschen länger und teilweise auch sehr steil, aber die steilen Abschnitte sind recht kurz und vor allem ist dort so gut wie kein Verkehr. Dieser kleine Umweg hat sich auch für das Auge gelohnt, er führt durch eine wunderschöne Gegend. Nach dem Sattel ging es dann zurück auf die Hauptstrasse in die Abfahrt zum Höhenmetervernichten. Ich musste wirklich aufpassen, dass ich hier nicht zu schnell wurde! Denn wer mit den Augen am Asphalt klebt, verpasst die wunderbare Aussicht von hier oben auf die umgebende Bergwelt und das Tal mit dem Lauerzersee.

Idyllische Landschaft auf dem Weg zum Sattel

Ausserdem kann man bei zu rasanter Fahrt auch sehr leicht den Abzweig verpassen, den ich genommen habe. Denn wer auf der Hauptstrasse weiter fährt, landet sehr schnell auf der T8 Umfahrung, auf der es extrem viel Verkehr hat und die deswegen auch teilweise vierspurig geführt wird. Kein angenehmer Ort für Velofahrende! Daher nehme ich direkt nach dem Parkplatz des Restaurant Burg eine kleine, fast schon versteckte Strasse runter ins Tal. Aber vorsicht: Langsam fahren! Die sehr schmale Strasse geht immer steiler bergab und teilweise musste ich meinen Allerwertesten schon sehr weit nach hinten hinter den Sattel verschieben, um noch gut bremsen zu können!

Berge, See und Alpenpanorama

Unten angekommen, fahre ich an der Kantonshauptstadt Schwyz vorbei nach Brunnen an den Vierwaldstättersee. Kurz, bevor man an den See kommt, gibt an einem kleinen Bach eine tolle Gelateria. Den Namen weiss ich nicht, aber es ist in der Olympstrasse und ein Pflichthalt! Logisch, habe ich hier auch ein sehr leckeres Glace zu mir genommen um dann frisch gestärkt den Abschnitt von Brunnen nach Gersau zur Autofähre zurück zu legen. Das sind gut 10 Kilometer am See entlang, mal leicht bergauf, mal leicht bergab, aber für mich natürlich wieder mit Gegenwind! Dennoch habe ich es dank der hervorragenden Stärkung recht flott geschafft und ich musste sogar noch ein bisschen auf die Fähre warten.

Vierwaldstättersee

Die Fahrt mit der Autofähre (CHF 10.– für eine erwachsene Person inklusive Velo) ist Entspannung pur. Sie fährt relativ gemächlich über den flachen, wellenlosen Vierwaldstättersee und ich nutze die ziemlich genau 20 Minuten der Überfahrt für eine schöne Pause. Mit einer kalten Cola aus dem Selbstbedienungs-Kiosk an Bord lasse ich mir den Fahrtwind um die Nase wehen und geniesse die kleine Auszeit sehr, schliesslich habe ich schon gut 80 Kilometer hinter mir. Bei der Fähre handelt sich übrigens um die einzige Fähre der Grand Tour of Switzerland und auf dem Oberdeck gibt es dafür einen speziellen Foto-Spot. Aber ich bin schon so oft mit dieser Fähre gefahren, dass es mich heute nicht reizt. So verbleibe ich in meiner Geniesserpose auf einer Bank auf dem unteren Deck.

Vom Anleger in Beckenried auf der anderen Seite vom Vierwaldstättersee ist es jetzt nur noch ein Katzensprung nach Hause. Diese Strecke bin ich schon so oft gefahren, ich kennen sie sozusagen im Schlaf. in Buochs geht es am Flugplatz vorbei, der gerade umgebaut wird und wohl demnächst auch Linienflüge anbieten soll. Auch wenn da was wahres dran sein sollte, bezweifle ich den Erfolg. Aber direkt am Flugplatz sind die Pilatus Flugzeugwerke, und die haben definitiv Erfolg. Eine Strasse führt quer über den Flugplatz, mit Schranken an der Start- und Landebahn ähnlich wie bei einem Bahnübergang. Aber heute nehme ich den Weg aussen herum.

Echtes Pilatus Flugzeug im Kreisverkehr

In Stans hole ich mir an einem Kiosk noch etwas zu trinken, denn geht es durch Stansstad (mit Blick auf den Alpnachersee), Hergiswil und Horw zurück nach Luzern. Alles in allem eine für mich anspruchsvolle, aber auch wunderschöne Tour durch vier Kantone (Luzern, Zug, Schwyz, Nidwalden), vorbei an fünf Seen (Zugersee, Ägerisee, Lauerzersee, Vierwaldstättersee, Alpnachersee) und entlang von zwei Flüssen (Reuss, Lorze). Ich sass nicht ganz sechs Stunden im Sattel und habe dabei über 100 Kilometer zurückgelegt. In meinem aktuellen Nicht-Trainingszustand und für den ersten Hunderter in diesem Jahr bin ich damit sehr zufrieden! Die neue Schaltung und die neuen Bremsen haben, wie auch alles andere an meinem Velo, einwandfrei funktioniert. Ich könnte kaum glücklicher sein!

Die Strecke in der Übersicht

Mehr Details zur Strecke und viele Fotos gibt es wie immer bei Komoot und bei Strava.

Dein
Marcus