Tschüss Rotor

Letzte Woche ist mir bei meiner Bikepacking-Tour von Luzern nach Brühl zur JavaLand das Schaltwerk kaputt gegangen, ich hatte schon darüber geschrieben. Mein Gravelbike habe ich vor fast auf den Tag genau zwei Jahren aufgebaut und dies ist bereits das zweite kaputte Schaltwerk in zwei Jahren. So langsam verliere ich das Vertrauen in meine Schaltung. Doch was waren meine Gründe für Rotor, welche Probleme hatte ich und vor allem, wie geht es weiter?

Weshalb Rotor?

Vor zwei Jahren, als ich mein neues Gravelbike aufgebaut habe, musste ich mich natürlich auch für eine Schaltgruppe entscheiden. Shimano kennt wahrscheinlich jeder, sie standen also zuerst auf meiner Liste. Im Gravel-Sektor ist allerdings vor allem SRAM sehr stark vertreten, mein zweiter Eintrag. Campagnolo kam mir auch noch in den Sinn, aber zu der Zeit hatten sie noch nichts für Gravel im Angebot, die EKAR Gruppe kam erst später raus. Während meiner weiteren Recherche stiess ich noch auf Rotor. Diesen Hersteller kannte ich vorher noch nicht, aber die Vorstellung der Schaltgruppe im Podcast von Enjoy Your Bike hat mich neugierig gemacht.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Schleswig-Holstein, von vielen auch “das platte Land” genannt. Der Name sagt es schon: Berge? Fehlanzeige! Das Land ist so flach, wenn du morgens aus dem Fenster schaust siehst du schon, wer abends zu Besuch kommt. Allerdings wohne ich schon gute 14 Jahre in der Schweiz. Fällt dir was auf? Genau: Berge. Also brauche ich ein Velo, mit dem ich Flachländler gut die Berge hochkomme. Denn ohne Berge kommt man hier nicht weit. Und das ist ein kleines Problem für mich: Ich bin ein Schwergewicht. Also brauche ich eine gute Untersetzung, um die Anstiege meistern zu können. Wenn es nun nicht bergauf geht, sondern eben ist oder gar bergab, möchte ich ebenfalls vernünftig treten können. Ich benötige also eine Schaltgruppe mit einer möglichst grossen Bandbreite (das ist der Unterschied zwischen dem kleinsten und grössten Ritzel) verteilt auf möglichst viele Gänge, damit die Unterschiede zwischen den einzelnen Gängen nicht so hoch sind. Und um es noch zu verkomplizieren, muss es eine Einfach-Schaltgruppe sein, also vorne nur ein Kettenblatt (an meinem Open WI.DE. Rahmen kann man keinen Umwerfer montieren).

Jetzt kommt Rotor ins Spiel. Sie waren die ersten, die eine Bandbreite von 520% bieten konnten. Das kleinste Ritzel hatte 10 Zähne, das grösste ganze 52! Shimano bot bis zu 46 Zähne an, verteilt auf maximal 11 Gänge. SRAM ging schon bis 50 Zähne verteilt auf 12 Gänge. Rotor hatte nicht nur mit 52 Zähnen die Nase vorne, sondern verteilte diese auch auf 13 Gänge. So bot mir Rotor die grösste Bandbreite mit noch vergleichsweise kleinen Gangsprüngen und der 52-Zähne-Rettungsanker für steile Anstiege hatte es mir wirklich angetan. So war die Entscheidung schnell gefallen: Ich wagte es, mich für eine Schaltgruppe eines relativ unbekannten Herstellers zu entscheiden. Immerhin kommt er aus Europa, aus Spanien. Also auch etwas, dass ich für unterstützenswert halte. Immerhin regionaler als Japan und USA, zudem sind mir kleine Firmen oft sympathischer.

Doch nicht nur die technischen Daten stechen heraus, sondern auch die technische Umsetzung. Alle drei grossen Hersteller (Shimano, SRAM, Campagnolo) bieten mechanische Schaltungen an. Das kennt wohl jeder: Die Schalthebel sind mit einem Schaltzug aus Draht mit der eigentlichen Schaltung verbunden. Die beiden grössten Hersteller (Shimano und SRAM) haben zusätzliche elektronische Schaltungen im Angebot. Da gibt es elektonische Schalter am Lenker sowie elektrische Stellmotoren an der eigentlichen Schaltung. Natürlich wird hier Strom benötigt, also gibt es auch eine Batterie, die regelmässig geladen werden muss. Bei Shimano wird alles verkabelt (das hat sich mittlerweile zumindest zu Teil geändert) und bei SRAM funktioniert die Übertragung der Signale per Funk. Elektronische Schaltungen funktionieren per Tastendruck ohne grossen Kraftaufwand (ich schalte sehr viel, da merkt man das am Ende des Tages) und sie schalten auch sehr genau. Ich habe eine Shimano Di2 an meinem Commuter-Bike und bin damit sehr zufrieden. Mechanische Schaltungen haben dagegen den grossen Vorteil, nicht aufgeladen werden zu müssen. Dafür längt sich der Draht mit der Zeit und die Schaltung muss immer mal wieder nachjustriert werden, um immer sauber und exakt zu schalten.

Die Rotor-Schaltung funktioniert mechanisch. Aber nicht mit einem Draht, sondern mit einer Flüssigkeit. Es ist eine hydraulische Schaltung, grob vergleichbar mit der Funktionsweise einer Bremse. Durch die Hydraulik sehr leichtgängig, durch den Verzicht auf den Draht kein Nachstellen und weil sie nicht elektrisch funktioniert, muss keine Batterie geladen werden. Also ideal für meinen Einsatzzweck: Bikepacking! Ich muss kein Ladegerät mitnehmen und unterwegs nach Strom suchen. Ich muss nichts nachstellen. Perfekt. Gekauft!

Probleme

Aufgebaut im März 2020 hatte ich bei meiner ersten grössen Bikepacking-Tour im Sommer 2020 das erste grosse Problem mit meiner Schaltung. Am Morgen des sechsten Tages sprang das Schaltwerk in die Kassette und blockierte mein Hinterrad. Zum Glück ging es gerade bergauf, somit war ich nicht sehr schnell und konnte einen Sturz vermeiden. Eine kleine Schraube an einer kleinen Stange im Schaltwerk ist abgerissen. Dabei wurde auch das Schaltauge verbogen. Ein Ersatz-Schaltauge hatte ich dabei, aber das Ersatz-Schaltwerk musste erst zugeschickt werden. Ich habe meine Reise unterbrochen und bin nach Hause gefahren, wo mir der Velo-Mech meines Vertrauens absolut vorbildlich geholfen hat. Nichts desto trotz habe ich insgesamt eine Woche von meinen vier Wochen Ferien verloren (und hatte zusätzlich nicht eingeplanten Reisestress).

Letztes jahr (2021) hatte ich bei meiner Bikepacking-Tour im Sommer ebenfalls Probleme. Gangwechsel gingen nicht mehr sauber über die Bühne, bei Belastung fing die Kette an zu springen. Die Kassette war verschlissen. Sehr viel früher, als ich es von meiner Shimano gewohnt war, die XTR-Kassette meiner Shimano-Schaltung hält im Schnitt gut drei mal so lange! Und natürlich pflege ich Ritzel und Kette regelmässig und prüfe die Kette auch auf Längung. Unterwegs bekam ich leider keinen Ersatz für meine Kassette und es wurde von Tag zu Tag immer schlimmer. Immerhin konnte ich mich noch zu meinem Reiseziel nach Berlin retten, indem ich mit weniger Kraft getreten habe: Fahren wie auf rohen Eiern. Ärgerlich, aber machbar und nach meiner Rückkehr zum Glück einfach zu beheben. Allerdings mit CHF 480.- (etwa EUR 470.-) nur für die Kassette zuzüglich Arbeit auch ein teurer Spass. Das möchte ich nicht jedes Jahr haben, jedenfalls nicht nach nur so wenigen Kilometern!

Jetzt, im Frühling 2022, sollte es wieder auf Bikepacking-Tour gehen. Der erste Tag verlief super, die Schaltung hat gemacht, was sie sollte. Nach vielen kleinen Tagestouren im Herbst und Winter hatte ich auch schon wieder neues Vertrauen geschöpft und nicht mehr an Probleme mit meiner Schaltung gedacht. Doch am zweiten Tag nach nur wenigen Kilometern kam das nächste fatale Problem. Die Schaltung sprang auf das kleinste Ritzel (den schwersten Gang) während ich in einem Anstieg war. Die Gänge liessen sich nicht mehr wechseln. Zum Glück war ich noch innerhalb der Schweiz und es war ein Werktag, so habe ich mich zum nächsten Bahnhof geschleppt und bin mit dem Zug zu meinem Velo-Mech gefahren. Wieder einmal. Wir konnten das Problem recht schnell eingrenzen: Die Index-Stange war defekt. Die Gänge sind nicht mehr eingerastet und so sprang das Schaltwerk auf Anschlag. Somit war mein Bikepacking-Abenteuer am Morgen des zweiten von neun Tagen beendet (je viereinhalb Tage hin zu einer Konferenz in die Nähe von Köln und ein paar Tage später auch wieder zurück). Wieder mit der Schaltung als Grund. Mit meiner Shimano XTR Di2 bin ich knapp 20'000 Kilometer ohne das kleinste Problem gefahren!

Und jetzt?

Ehrlich gesagt habe ich das Vertrauen in die Rotor Schaltgruppe verloren. Daher habe ich mich entschlossen, diese komplett abzubauen und auf eine andere Schaltgruppe eines anderen Herstellers zu wechseln. Das wird sicher teuer, da ich sehr viel neu kaufen muss, allerdings habe ich die Nase voll von Schaltproblemen und unterbrochenen oder abgebrochenen Reisen. Nächstes Jahr geht es über 7'000 km quer durch Amerika. Hochgerechnet muss ich da mit drei Komplettausfällen der Rotor-Schaltgruppe rechnen. Nein, das will ich nicht!

Ob es jetzt eine Shimano, SRAM oder Campagnolo wird, weiss ich noch nicht. Nach meiner Rückkehr von der JavaLand werde ich mich mit meinem Velo-Mech zusammen beratschlagen. Es hat sich schliesslich einiges in den letzten zwei Jahren getan, seit ich das letzte mal vor dieser Entscheidung stand. Hoffentlich habe ich dieses mal ein glücklicheres Händchen und zukünftig weniger oder keine Probleme mehr mit meiner Schaltgruppe. Bitte drück mir die Daumen!

Dein
Marcus